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Rennbericht 2026

Engelberg Cup 2026 · Ausführliche Version

Das spannende Centimeter-Spiel über den Alpen

Ein packendes Kopf-an-Kopf-Rennen, mutige Linienwahlen an den Schlüsselstellen der Zentralschweizer Bergwelt und Sekundenkrimis im Zielzylinder: Die vierte Ausgabe des Engelberg Cups bot Hike-&-Fly-Sport auf absolutem Top-Niveau. Ein detaillierter Rückblick auf einen epischen Renntag.

Der Startschuss und der erste Härtetest

Es ist Samstagmorgen, exakt 08:55 Uhr, als an der Homebase bei der Brauerei Äigèbraij in Wolfenschiessen der Startschuss fällt. Vor den 74 Athletinnen und Athleten liegt ein anspruchsvoller, rund 90 Kilometer langer Kurs in der hochalpinen Arena rund um den Titlis. Das Wetter hält, was die Prognosen versprochen haben: Nach einer morgendlichen Inversion und hoher Bewölkung wartet die Thermik nur darauf, anzuspringen.

Der erste brutale Aufstieg führt das gesamte Feld steil nach oben Richtung Diegisbalm und weiter zum Gummen – satte 1100 Höhenmeter über der Talsohle.

Women Pro: Das taktische Meisterwerk der Linda Hoch

In der Kategorie Women Pro zeichnet sich bereits früh ein extrem hohes Tempo ab. Um 10:40 Uhr erreichen Mirjam Barrueto und Lia Sutter als Erste den Gummen. Zu diesem Zeitpunkt ist fliegend noch kein Weiterkommen nach Engelberg möglich – die Wolkendecke schirmt die Thermik noch ab. Es bildet sich ein Trio an der Spitze, das den Weg mechanisch und zu Fuss bezwingt.

Beim Turnpoint Brunni trennen sich schliesslich die Wege. Während ein Teil des Feldes noch aufsteigt, entscheiden sich Linda Hoch und Lia Sutter für die taktische Variante: Sie nehmen nur den halben Weg hinauf und starten um 13:10 Uhr als Erste oberhalb von Bord. Ein genialer Schachzug, denn die Thermik zündet jetzt richtig. Linda Hoch kurbelt sich in kürzester Zeit auf spektakuläre 3000 Meter über dem Rigidalstock.

Die Mutprobe am Titlis

Am mächtigen Titlis-Massiv fällt die Vorentscheidung. Linda Hoch fliegt entschlossen auf die schroffe Südseite. Eine Route, die maximalen Mut erfordert: Wer in den steilen Flanken der Wendenstöcke oder im Gental zu Boden gehen muss, dem droht ein sehr langer, alpiner Rückweg zu Fuss. Doch das Risiko zahlt sich aus. Über der Wendenstockkette tankt Linda souverän Höhe bis auf 3750 Meter auf – die perfekte Basis, um das Gental mühelos zu überspringen. Lia Sutter folgt ihr mit derselben Taktik, liegt zu diesem Zeitpunkt jedoch rund 25 Minuten zurück.

Mirjam Barrueto wählt unterdessen die alternative Route nördlich des Titlis. Sie beweist zwar eindrücklich, dass der Task auch auf dieser Linie machbar ist, kann den Vorsprung von Linda Hoch aber nicht mehr wettmachen.

Ein historisches Finish

Auf dem Rückweg demonstriert Linda Hoch die absolute Flug-Spitzenklasse: Im schnellen Vorflug zieht sie eine perfekte, hocheffiziente Linie entlang des Arvigrats, hält ihre Höhe fast ohne zeitraubendes Kurbeln und fliegt nach den Passagen am Chaiserstuhl und Buochserhorn einem hochverdienten Sieg entgegen. Linda Hoch triumphiert mit einer Fabelzeit von 07:09:30 vor der ebenfalls überragend fliegenden Lia Sutter (07:34:00).

Men Pro: Der Fünfkampf der Giganten

Bei den Männern drückt X-Alps-Crack Nicola Heiniger von der ersten Sekunde an auf das Gaspedal. Nach nur 1 Stunde und 20 Minuten stürmt er als Erster auf 1600 Meter Höhe. Weil die Thermik aufgrund der Abschirmung noch schläft, bleibt den Athleten nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeissen: Nach einem harten 7-Kilometer-Marsch erreicht Heiniger den Checkpoint Engelberg als Erster, um die traditionelle, begehrte Engelfigur in Empfang zu nehmen. Dicht hinter ihm lauert die hochkarätige Konkurrenz: Nicola Sidler, Nicola Eschbach und Silvan Wüthrich.

Ohne Zeit zu verlieren, steigen Heiniger, Sidler und Wüthrich weitere 550 Höhenmeter zu Fuss auf, um bei Schönenboden wieder in die Luft zu gehen. Heiniger startet hauchdünn vor den beiden anderen.

Geduldspiel und der Sprung zum Titlis

Endlich funktioniert die Thermik, und das Trio katapultiert sich rasch auf 3000 Meter. Doch die Luftmasse ist tückisch. Ein verfrühter Vorstoss von Heiniger und Wüthrich zum Haldigrat scheitert am mangelnden Steigen. Nach Kratzen ohne Höhengewinn müssen sie westlich der Walenstöcke zurückgleiten, um mühsam und zäh wieder Höhe zu generieren. Nicola Sidler erwischt es noch härter: Er wird zu einer ungewollten Zwischenlandung in Engelberg gezwungen. Beinahe zurück auf Feld 1.

Am Hahnen schliesst das Feld wieder auf. Die Spitzengruppe tankt gemeinsam Höhe bis auf 3100 Meter. Wieder ist es Heiniger, der als Erster den Sprung zur Führenalp und direkt zum Titlis-Nordgrat wagt – diesmal dicht gefolgt von Nicola Eschbach, Elias Gerber, Silvan Wüthrich und Michael Maurer.

Um 13:36 Uhr fliegt die Fünfergruppe, geführt von Michael Maurer, auf rund 2700 Metern südlich unter dem Titlis-Gipfel vorbei. Auch hier gilt: Wer hier absauft, ist raus aus dem Rennen. Doch die Spitzengruppe fliegt wie auf Schienen. In atemberaubendem Tempo rasen die fünf Piloten entlang der Wendenstock-Kette, machen dabei sogar noch Höhe und erreichen fast zeitgleich kurz vor 14:00 Uhr den westlichsten und entferntesten Turnpoint am Glogghüs.

Das rasende Finale im Tal

Ab dem Glogghüs mutiert das Rennen zu einem alpinen Formel-1-Lauf. Das Tempo ist astronomisch, gedreht wird kaum noch. Die Fans an der Homebase in Wolfenschiessen können das Drama live am Himmel mitverfolgen: Fünf Gleitschirme jagen im Express-Modus Richtung Arvigrat, wechseln mühelos die Talseite und knacken den Chaiserstuhl (2400 m).

Ab jetzt zählt nur noch die reine Gleitzahl und der pure Speed. Elias Gerber, Michael Maurer und Silvan Wüthrich donnern praktisch nebeneinander Richtung Buochserhorn und weiter zum Zielzylinder. Am Ende entscheidet der Bruchteil eines Wimpernschlags: Der erst 21-jährige Elias Gerber schiesst auf 1350 Metern Höhe als Allererster in den Zielzylinder und sichert sich nach 06:07:41 den Sieg – winzige 20 Sekunden vor Rekord-Dolomitenmann Michael Maurer (06:08:01) und nur 36 Sekunden vor Silvan Wüthrich (06:08:17). Was für ein historisches Finale!

Sportklasse: Clevere Taktik und ein dramatischer Hinterhalt

In der Sportklasse zeigt sich von Beginn an, wie taktisch vielseitig Hike & Fly sein kann. Da das Erklimmen des Gummens für diese Kategorie nicht obligatorisch ist, entscheiden sich viele Piloten für einen frühen Start in Diegisbalm. Die schnellste Gruppe zieht den Gleitflug bis nach Grafenort durch, nutzt dort die legale Option, die Bergbahn zu nehmen, und trickst damit die Pro-Kategorie aus: Sie erreichen den Checkpoint in Engelberg noch vor der Elite. Per Seilbahn geht es weiter via Ristis zum Brunni.

Hier übernimmt Pascal Arnet das Kommando. Er steigt zu Fuss weiter Richtung Schonegg auf und zieht kurz vor Mittag als Erster ab. Während andere noch am Boden schwitzen, beweist Arnet, dass Fliegen die schnellere Wahl ist. Er überhöht den Rigidalstock, fliegt auf 3000 Metern Richtung Haldigrat los und führt das Feld lange Zeit souverän an, dicht gefolgt von Stefan Ruider.

Das dicke Ende am Wirzweli

Auch die Sportklasse hat am Haldigrat mit zähen Bedingungen zu kämpfen. Die Dreiergruppe bestehend aus Pascal Arnet, Sascha Pezo und Stefan Ruider muss ebenfalls westlich der Walenstöcke zurück nach Engelberg ausweichen, rettet sich aber mit gutem Höhengewinn zurück zum Rigidalstock. Von dort aus fliegen sie über die Führenalp zum Titlis und queren anschliessend mit viel Speed zweimal das Tal Richtung Wirzweli.

Pascal Arnet wähnt sich fast schon als sicherer Sieger auf der Zielgeraden. Doch Hike & Fly ist erst im Ziel vorbei. Bei den Walenstöcken tauchen wie aus dem Nichts Stefan Ruider und Sascha Pezo auf. Die beiden hatten sich am Rigidalstock unbemerkt ein gutes Höhenpolster von 500 Metern erarbeitet.

Mit diesem Höhen- und Speedvorteil stürzen sie sich von hinten auf den Führenden. In einem dramatischen und pfeilschnellen Kopf-an-Kopf-Rennen auf den letzten Metern fängt Stefan Ruider den Langzeitführenden Pascal Arnet noch ab und klaut sich den Tagessieg in der Sportklasse, dicht gefolgt von Arnet und Sascha Pezo.

Fazit: Ein Tag der persönlichen Triumphe

Als die Athletinnen und Athleten am späten Nachmittag bei Pinsa aus dem Holzofen und einem kühlen Bier an der Homebase die Flugspuren analysieren, wird schnell klar: Der wahre Geist des Engelberg Cups zeigte sich nicht nur auf dem Podium. Hinter den Spitzenplätzen spielten sich über den gesamten Tag hinweg unzählige, ganz persönliche Dramen und Triumphe ab. Ob in der Kategorie Pro oder in der Sportklasse – jede einzelne Pilotin und jeder einzelne Pilot ging an diesem Tag an die absolute Leistungsgrenze. Viele der bisher ungenannten Athletinnen und Athleten kämpften sich stundenlang zu Fuss die steilen Hänge hinauf, trotzten schwierigen thermischen Bedingungen und steckten sich eigene, ambitionierte Ziele. Auch wenn es am Ende nicht für alle zeitlich bis ganz in den Zielzylinder reichte, so war der gezeigte Einsatz auf den harten Laufpassagen und in der Luft schlichtweg grossartig. Jede gemeisterte Schlüsselstelle und jeder sichere Flug zurück ins Tal war ein bravouröser Sieg über die eigenen Grenzen und hinterlässt Erinnerungen, die bleiben.